BDH-Magazin 3/4 2026

6 BDH-MAGAZIN 3/4 2026 REHABILITATION & FORSCHUNG Der Vorher-Nachher-Berg Oft unsichtbar: Nach einem Schlaganfall oder anderen akuten neurologischen Schädi - gungen ist ein Berg an psychischen Herausforderungen zu bewältigen. Nichts ist mehr wie vorher. Fachleute sprechen nicht selten von einer biopsychosozialen Krise. Aber was steckt genau dahinter und wie kann in diesen Krisen geholfen werden? Das hat die BDH- Redaktion die Psychologin an der BDH-Klinik Vallendar Julia Jahnel gefragt. Frau Jahnel, was bedeutet eine biopsychosoziale Krise nach einem plötzlichen neurologischen Ereignis? Ist das eine eigene Diagnose? Nach einem neurologischen Ereignis wie beispielsweise ein Schlaganfall verändert sich für viele Betroffene der Alltag tief- greifend. Was zuvor selbstverständlich war – etwa Bewegung, Sprache, berufliche Auf- gaben, familiäre Rollen oder Zukunftspläne – ist plötzlich nicht mehr verlässlich ver- fügbar. Diese unmittelbare Erfahrung kann eine psychosoziale Krise auslösen. Diese ist keine zusätzliche Krankheit, sondern eine normale menschliche Reaktion auf ein exis- tenzielles Ereignis. Der Begriff „biopsychosozial“ bedeutet, dass gleichzeitig drei Ebenen erschüttert werden: • biologisch: motorische Ausfälle, Sprache, neuropsychologische Veränderungen etc. • psychologisch: Schock, Angst, Trauer, Identitätsverlust („Ich bin nicht mehr ich“) • sozial: Abhängigkeit, Rollenwechsel, Berufsausfall, Partnerschaftsbelastung Diese Krise ähnelt einer akuten Lebenskrise oder Trauerreaktion. Sie kann sehr intensiv sein — mit Weinen, Verzweiflung oder Rück- zug — ist aber zunächst eine Anpassungsre- aktion und kein psychiatrisches Störungsbild. Und wie unterscheiden Sie als Fach- frau eine biopsychosoziale Krise von der Post-Stroke-Depression, die auch im Zusammenhang mit einem akuten neurologischen Ereignis auftreten kann? Die Post-Stroke-Depression (PSD) wird nach ICD-10, also der amtlichen Klassifikation zur Verschlüsselung von Diagnosen in Deutsch- land, nicht als eigenständige Diagnose ge- listet. Sie fällt unter die F32 „Depressive Epi- sode“ oder F33 „Rezidivierende depressive Störung“, wobei das neurologische Ereignis als auslösender Faktor berücksichtigt wird. Die Diagnose erfolgt klinisch anhand der ty- pischen depressiven Kernsymptome, ange- passt an die neurologische Situation. Nach ICD-10 zählen zu diesen Kernsymptomen depressive Stimmung, Interessenverlust, verminderter Antrieb oder erhöhte Ermüd- barkeit. Ergänzend treten oft Schuld- oder Wertlosigkeitsgefühle, Hoffnungslosigkeit, Konzentrationsstörungen, Schlaf- oder Ap- petitprobleme und psychomotorische Ver- änderungen. Je nach Anzahl und Intensi- tät der Symptome wird die Depression als leicht, mäßig oder schwer eingestuft. Was beeinflusst die Ausprägung einer biopsychosozialen Krise Ihrer Erfahrung nach? Ist es die Schwere der Erkran- kungen, ein ungewisser Verlauf oder sind es eher persönliche Faktoren? Tatsächlich verläuft eine biopsychosozia- le Krise nicht bei allen Betroffenen gleich stark. Zwar bedeutet das neurologische Er- eignis immer einen massiven Lebensbruch, doch wie erschütternd er erlebt wird, hängt weniger allein von der medizinischen Schä- digung ab als von der Resilienz, also der psychischen Anpassungsfähigkeit. Körperliche Einschränkungen, Sprachstö- rungen, Schmerzen oder eine unklare Pro- gnose erhöhen die emotionale Belastung, erklären die Reaktion aber nicht vollständig. Entscheidend ist vor allem die psychologi- sche Verarbeitung: Wer Selbstwirksamkeit erlebt, Unsicherheit aushalten kann, Gefüh- le reguliert und sein Selbstwertgefühl nicht ausschließlich an Leistungsfähigkeit bindet, passt sich meist stabiler an. Auch soziale Faktoren wirken stark — tragfä- hige Beziehungen und Unterstützung schüt- zen, Isolation verstärkt die Krise. Frühere Bewältigungserfahrungen können zusätzlich stabilisieren, während vorbestehende psy- chische Belastungen das Risiko erhöhen. Zentral sind dabei sowohl personale als auch soziale Ressourcen. Zu den persona- len gehören zum Beispiel Hoffnung, Humor, Sinnorientierung, Problemlösefähigkeit und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Soziale Ressourcen sind verlässliche Beziehungen, Unterstützung durch Angehörige und Orien- tierung im Alltag. Nicht zu vergessen: auch positive Rehabilita- tionserfahrungen — etwa kleine Fortschritte oder verständliche Aufklärung — vermitteln wieder die notwendige Kontrolle.

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