Corona und unser Leben

19.06.2020

Der Corona-Virus hat uns überrascht wie ein Dieb in der Nacht. Niemand konnte sich davor vorstellen, welche Auswirkungen er in unsere Gesellschaft auf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene haben könnte.

Corona und unser Leben

Dass die Regierung einmal so tief und rigoros eingreift in unser Leben bis weit in den Privatbereich hinein, ist seit Bestehen der Bundesrepublik noch nicht vorgekommen. Der Focus liegt bisher ausschließlich auf dem Schutz von Leben und Gesundheit von uns Bürgern. Nach dreimonatiger Ausnahmezeit werden die seelischen und gesellschaftlichen Dimensionen immer deutlicher sichtbar.

Der Charakter des Lebens

Die Unberechenbarkeit des Virus und die Tatsache, dass es bisher weder Medikamente noch Impfung gegen ihn gibt, sind zutiefst verunsichernd und verängstigend. Es wird ganz deutlich, welch ein zerbrechliches und gefährdetes Gut unser Leben ist. Darüber konnten wir uns bisher hinwegtäuschen durch ein großes Aufgebot an Versicherungen und vorbeugenden Maßnahmen. Auch unser ausgeprägtes Bewusstsein für unsere Rechte ist erschüttert worden. Dass die Wahrung unserer Grundrecht von einem ungestörten, funktionierenden Staats- und Wirtschaftssystem abhängt, wird erst jetzt spürbar, wo unsere Rechte von einem Moment auf den anderen beschränkt sind. Durch solche drastischen Veränderungen zeigt sich, dass das, was wir für selbstverständlich und garantiert halten, tatsächlich ein Konstrukt ist, das auch einbrechen kann. So kommen wir dem, was Leben eigentlich ist, sehr nahe: Wir haben es letztlich nicht in der Hand! Wir sind vielerlei Bedrohungen ausgesetzt und sind angewiesen auf das Wohlwollen und die Gunst anderer. Im Prinzip war das nie anders. Nur jetzt bekommen wir es buchstäblich am eigenen Leib zu spüren. Dementsprechend wird auch Dankbarkeit und Bescheidenheit in vielen Menschen wach.

Corona als Lupe

Ähnlich wie der Charakter des Lebens tritt menschliche Not durch die veränderte Situation der Corona-Krise hervor bzw. verstärkt sich. Kinder und Jugendliche mit erschwerten Bildungschancen können nicht mehr gestützt und gefördert werden. Menschen ohne Ausbildung oder mit geringem Einkommen sowie Personen in schwierigen familiären Lagen geraten auf existenzbedrohende Weise an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Alleinstehende allen Alters werden durch die Kontaktsperre leicht zu Einsamen. Alle Chancenungleichheiten, die unser sozialstaatliches Gefüge versucht, auszugleichen, werden offensichtlich, da das Netz der Unterstützungs- und Begleitungsangebote Löcher bekommen hat. Soziale, finanzielle oder gesundheitliche Not tritt somit verschärft und in aller Härte zutage. Sie war auch vorher schon da, nun aber ist sie nicht mehr zu übersehen. Sie wird zum Gesprächsthema und als Auftrag an uns alle wahrgenommen. Nachbarschaftshilfen, ehrenamtliches Engagement zur Sicherung der Versorgungslage und vielfältige Ideen, Einsamkeit zu überwinden sind hoffnungsvolle Reaktionen darauf. Auch nach der Aufhebung aller Beschränkungen werden die Folgen dieser Entwicklung eine große Herausforderung an unsere Gesellschaft darstellen.

Risse durch die Gesellschaft
Die starke Reglementierung unseres Lebens auf allen Ebenen, gefährdet auch die Beziehungen zueinander. Was zunächst als rein funktionaler Schritt akzeptiert wurde, kristallisiert sich über die Wochen hinweg als Wertepyramide heraus: Die Eingruppierung von Berufszweigen nach dem Kriterium der Systemrelevanz! Wer nicht „systemrelevant“ ist, muss sich durch Berufsausübungsverbot als „unrelevant“ fühlen. Selbst der Zugang zur Kinderbetreuung wird verwehrt. Es scheint irrelevant für die Gesetzgeber, wie diese Familien mit all den Anforderungen und Einschränkungen ganz auf sich allein gestellt fertig werden. Auch die Reihenfolge der Lockerungsbestimmungen zementiert diese Wertepyramide. Wer zuletzt an den Arbeitsplatz zurückkehren darf, ist offensichtlich nicht wichtig für die Gesellschaft. Besonders allen kulturschaffenden Berufsgruppen drängt sich die Grundsatzfrage nach ihrer gesellschaftlichen Bedeutung auf.
Ein weiterer Graben in der Gesellschaft tut sich durch die Definition von „Risikogruppen“ auf. Wer zur Risikogruppe gehört, muss eine noch striktere Bevormundung als alle anderen Menschen hinnehmen – Ausschluss aus der Arbeitswelt, Dauerquarantäne, Isolation selbst innerhalb der Familie. Was eigentlich zum Schutz gedacht ist, generiert zur Ausgrenzung. Wer zur Risikogruppe gehört und sich nicht an die Quarantäne hält, erfährt die Aggression seiner Umwelt. Diese sieht ihr Bemühen, sich an alle Vorschriften zu halten, dadurch zum Scheitern verurteilt. Es wird sinnlos. Umgekehrt stoßen Menschen, die sehr vorsichtig sind, auf Verachtung wegen übertriebener Vorsicht.
Dieses Problem verschärft sich gerade jetzt in der Phase der Lockerungen. Die Ansichten, was verantwortbar ist und was weiterhin gefährlich bleibt, gehen stark auseinander. Angst und Ungeduld machen sich breit. Streit über das richtige Verhalten und gereizte Stimmung aufgrund der Ungleichzeitigkeit kommt immer häufiger auf. Menschen sortieren sich nach Gesinnungsgruppen, bewährte Beziehungen erfahren ganz ungeahnte Belastungen.
Auch die Belastung der gegenseitigen Kontrolle ist enorm gestiegen. Was früher lediglich ein Grund zur Aufregung war, kostet mittlerweile richtig Geld. Menschen zeigen sich gegenseitig bei Fehlverhalten bei der Polizei an. Viel schwerwiegender als das Strafgeld wiegt dabei die Frage: Wer hat mich angezeigt? Verdacht und Misstrauen schleicht sich zwischen Nachbarn oder gegenüber Mitmenschen ganz grundsätzlich ein. Ob diese Risse wieder verschwinden werden oder weiterhin latent zwischen den Menschen wirksam bleiben, ist die große Frage.

Kontaktlos in Kontakt
Wie wäre die „Corona-Krise“ wohl vor 50 Jahren verlaufen? Durch die Möglichkeiten der sozialen Medien können wir Vieles auffangen. Besonders Jugendliche und junge Erwachsene haben da schnell alle Möglichkeiten parat. Sie trafen sich schon über Videoplattformen abends in virtueller geselliger Runde noch bevor so mancher Betrieb auf homeoffice und Videokonferenzen umgeschaltet hatte. Jugendliche und junge Erwachsene waren gleichzeitig auch diejenigen, die sich zu Beginn der Krise als letzte Personengruppe an die Kontakt und Ausgangssperren gehalten haben. Wo immer sie eine Möglichkeit sehen, versuchen sie sich, z.T. heimlich zu treffen. In der kirchlichen Jugendarbeit können wir beobachten, dass sich die Jugendlichen frühzeitig kreative Gedanken darüber gemacht haben, wie wieder persönliche Treffen möglich sein können. Sie organisieren seit es erlaubt ist Gruppenstunden im Freien oder in unseren größten Gemeinderäumen. Ausgerechnet diese Generation, der man am meisten vorwirft, durch die Digitalisierung das Interesse an echten Begegnungen zu verlieren, rebelliert und lässt sich nicht auf die digitale Kommunikation eingrenzen.
Aber auch in anderen Bereichen werden die Grenzen des „kontaktlosen Kontaktes“ wahrnehmbar, oft auf sehr schmerzliche Weise. Zum Beispiel war eine Zeit lang in den Kliniken und Seniorenheimen nur über das Telefon oder das Fenster eine Kontaktaufnahme möglich. Sich nicht zu sehen, nicht zu berühren und nicht spüren zu können, in welcher Lage der angehörige Patient sich befindet, war für die Familien und Freunde unerträglich. Heimbewohnern und Patient*innen in den Kliniken fehlte die besondere Kraft und Motivation, die nur durch Blickkontakt, Berührung oder stille Anwesenheit geliebter Menschen möglich ist. Hochbetagte in Senioreneinrichtungen konnten häufig die Lage nicht erfassen und werteten die Kontaktsperre als Distanzierung ihrer Familie, was tiefes Leid verursachte. Durch das „Einsperren“ kamen außerdem Ängste aus den zwei Weltkriegen hoch. Besonders problematisch ist dies bei Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Blickkontakt, Nähe, wortloses Verstehen blieb aus. Dabei gehört gerade das wesentlich zu gelingenden und stärkenden Begegnungen.
Auch Beistand in Trauer und Verzweiflung braucht mehr als reine Worte. Dass Angehörige sterben ohne die Begleitung durch Familienangehörige, schafft traumatische Situationen. Auch die extreme Beschränkung der Anwesenden bei Trauerfeiern ist brutale Realität dieser Krisenzeit. Zahlreichen Menschen ist es nach wir vor verwehrt, Abschied zu nehmen von Familienmitgliedern und Weggefährten. Das wird sie ein Leben lang beschäftigen und belasten.

Wirkkraft der Coronakrise

Der Coronavirus ist offensichtlich mehr als eine medizinische Herausforderung. Was zuvor engagiert diskutiert wurde wie z.B. der Gebrauch von Medien, die Bedeutung von menschlicher Nähe, Termindruck und Zeitnot oder Kritik an der Marktwirtschaft, hat durch die Ausnahmesituation der letzten Monate die kognitive Ebene verlassen. Wir alle machen gerade essentielle Erfahrungen mit Leib und Seele: Wie sich eine Gesellschaft verändert, wenn sie Angst hat! Wie die Wirtschaft vor Ort und weltweit vernetzt ist! Wie sich das Leben anfühlt, wenn wir auf uns selbst zurückgeworfen sind! Worauf wir gut verzichten können und was wesentlich ist! Auch wenn die Welt irgendwann wieder zur vielgelobten Normalität zurückkehren wird, werden doch tiefe Spuren in unserem Bewusstsein und unserer Wahrnehmung bleiben. Das Leben wird anders sein – wir werden andere sein!

Susanne Lindinger
Seelsorgerin an der BDH-Klinik Waldkirch
Katholische Seelsorgeeinheit Waldkirch


Über den BDH Bundesverband Rehabilitation

Der BDH, der große deutsche Sozialverband und Klinikträger, ist führend auf dem Gebiet der Rehabilitation von neurologischen Patienten. Der BDH bietet soziale und sozialrechtliche Beratung und professionelle Vertretung vor Behörden und den Instanzen der Sozialgerichtsbarkeit sowie ehrenamtliche soziale Betreuung an.

Der BDH hat in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der neurologischen Rehabilitation Pionierarbeit geleistet und Einrichtungen gegründet, die bis heute Maßstäbe setzen und von allen gesetzlichen und privaten Krankenkassen, den Berufsgenossenschaften, Rentenversicherungen und Versorgungsämtern sowie der Bundesanstalt für Arbeit in Anspruch genommen werden. In der Trägerschaft des BDH befinden sich heute fünf über ganz Deutschland verteilte neurologische Kliniken in Braunfels (Hessen), Elzach (Baden-Württemberg), Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern), Hessisch  Oldendorf (Niedersachsen) und Vallendar (Rheinland-Pfalz) . Dazu kommen die BDH-Klinik Waldkirch für Chirurgie und Innere Medizin, das Rehabilitationszentrum für Jugendliche in Vallendar und das BDH-Therapiezentrum Ortenau mit Standorten in Offenburg und Gengenbach. 

Die stationäre neurologische Rehabilitation in den BDH-Kliniken nimmt einen wichtigen Stellenwert innerhalb des Leistungsangebotes des BDH ein, um Menschen nach einem Unfall oder sonstiger neurologischer und geriatrischer Krankheit Unterstützung auf dem Weg zurück ins Leben zu bieten.

 
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