15. April 2026
Wie gelingt es, mit den psychischen Herausforderungen nach einer neurologischen Erkrankung umzugehen? Psychologin Julia Jahnel gibt wertvolle Einblicke und zeigt Kraftquellen auf.
„Unter Gesundheit verstehe ich nicht das Freisein von Beeinträchtigungen, sondern die Kraft mit ihnen zu leben.“ Mit diesem Zitat von Johann Wolfgang Goethe setzte Julia Jahnel, Psychologin in der BDH-Klinik Vallendar, gleich zu Beginn hoffnungsvolle Zeichen im vergangenen Montagscafé des BDH-Kreisverbandes Bonn/Rhein-Sieg, um mit psychischen Herausforderungen einer neurologischen Erkrankung umzugehen. Wer oder was gibt diese Kraft? Das interessierte nicht wenige Mitglieder des Kreisverbandes. Der Konferenzraum in der Bonner BDH-Zentrale war gut gefüllt, auch am Bildschirm waren Interessierte online dabei.
Wichtig sei, den Blick für die unsichtbaren psychischen Veränderungen zu schärfen, so Julia Jahnel. Denn sie können einen Rehaverlauf erheblich beeinflussen. Solche typischen psychischen Belastungen können Angststörungen, geringe Belastbarkeit bis Fatigue, erhöhte Reizbarkeit/Impulskontrollstörung oder auch Traumatisierung durch medizinischen Stress sein. Etwa 30 bis 40 Prozent der Betroffenen nach einem Schlaganfall kämpfen mit einer Post-Stroke-Depression, oft innerhalb der ersten Monate nach Schlaganfall.
Aber nicht jede Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit und so manch temporärer sozialer Rückzug sind therapiebedürftig. Zunächst, so stellt Julia Jahnel klar, sind Hilfslosigkeit, Ängste und sogar Wut ganz normale Reaktionen auf eine drastisch und meist plötzlich veränderte Gesundheits- und Lebenssituation. Krankheitsbewältigung und Identitätsveränderung brauchen Zeit, Raum und Unterstützung aus dem sozialen Umfeld. Und die gilt es als einen Prozess der Anpassung zu begleiten, der höchst individuell abläuft.
Sie beschrieb auch die Aufgaben und Möglichkeiten der Neuropsychologinnen und -psychologen im Umgang von persönlichen Bewältigungsstrategien, deren Überprüfung auf Wirksamkeit, Stärkung oder Veränderung, um Stress zu reduzieren. Mit Beispielen aus dem Klinikalltag verdeutlichte sie, dass Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und Verständnis große Hilfestellungen sein können.
Auch die wichtige Rolle der Angehörigen und Freunde, ihre Betroffenheit und die Notwendigkeit der Selbstfürsorge und Unterstützung in diesem Prozess fand an diesem Nachmittag ihren Raum. Vor allem an der Schnittstelle von Reha und Alltag sind funktionierende Netzwerke wichtig, um Stress zu reduzieren. Fachleute sind gefordert, mit ihren präzisen Einschätzungen Weichen für eine gute Versorgung mit Hilfsmitteln, Pflegeentlastung und Existenzsicherung zu stellen. Aber es braucht ebenso Information über Hilfsangebote, Austausch und emotionale Unterstützung und Entlastung für Familien. Kritisiert wurde in dem Zusammenhang fehlende Angebote der ambulanten Psychotherapie.
Der BDH versteht sich Teil eines solchen kräftigenden Netzwerkes mit seinen Möglichkeiten des Kontaktes, seiner Sozialrechtsberatung, seiner Interessenvertretung für Menschen mit Behinderungen und seinen zunehmend ambulanten Möglichkeiten der Neurorehabilitation. Im aktuellen BDH-Magazin 3/4 2026 finden Sie auf den Seiten 6-9 den ausführlichen Artikel "Der Vorher-Nachher-Berg" mit Julia Jahnel.
Das nächste BDH-Montagscafé findet am 29. Juni 2026 von 16.30 bis 18.00 Uhr hybrid in den Räumen der Bundesgeschäftsstelle, Lievelingsweg 125, 53119 Bonn statt. Zu Gast: Ass. jur. Michael Balkhausen, BDH-Rechtsabteilung Bonn mit Hintergründen und Tipps zum Thema: Verschlimmerungsantrag wegen Schwerbehinderung
Julia Jahnel leitet gemeinsam mit Julia Tiwi-Feix von der Inklusa gGmbH eine Angehörigengruppe von Menschen mit neurologischen Erkrankungen an der BDH-Klinik Vallendar.
Informationen rund um Beratungs-, Unterstützungs- und Hilfsangebote im Raum Bonn/Rhein-Sieg veröffentlicht Dr. Claudia Niederer unter www.schlaganfall-bonn.de. Am 31. August 2026 wird sie im Montagscafé zu Gast sein.