22. Mai 2026
Der Jahresempfang des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen (BBMB), Jürgen Dusel, stand dieses Jahr unter dem Thema: „Frauen mit Behinderungen“.

v.l.n.r.: Ottmar Lehmann, Jürgen Dusel und Julia Köhler
Dusel machte deutlich, wie groß die Herausforderungen für Frauen mit Behinderungen weiterhin sind – und warum echte Barrierefreiheit, geschlechtersensible Gesundheitsversorgung und politische Teilhabe zentrale Voraussetzungen für eine inklusive Demokratie bleiben. Gleichzeitig verwies er auf die tagesaktuell geplanten Reformen der Bundesregierung und deren möglichen Folgen.
Julia Köhler, politische Referentin des BDH, und Ottmar Lehmann, Vorsitzender des Kreisverbands Berlin, waren beide für den BDH auf dem diesjährigen Empfang des Beauftragten der Bundesregierung von Menschen mit Behinderungen Jürgen Dusel und kamen mit vielen Eindrücken und neuem Tatendrang, vor allem auch vor dem Hintergrund der geplanten Gesetzesvorhaben der Bundesregierung, zurück.
In seiner Eröffnungsrede mahnte Jürgen Dusel angesichts der aktuell laufenden Gesetzesvorhaben zur Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) und des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), sowie dem veröffentlichten „Sparbuch“ zur Streichung diverser Leistungen vor allem in der Eingliederungshilfe, die Interessen der Wirtschaft nicht gegen Menschenrechte auszuspielen. Der Behindertenbeauftragte forderte eine Nachbesserung des bestehenden Entwurfs des BGG, welcher nicht geeignet sei die Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu fördern. Er rief alle Interessenvertreterinnen und -vertreter auf, sich auch während der fortschreitenden parlamentarischen Verfahren noch für die geforderten Änderungen einzusetzen.
Besonders scharf kritisierte Dusel die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachen (KVN), die auf die Freiwelligkeit der Praxen setzt. Einen brisanten Fokus legte er in seiner Rede auch auf die Frauen mit Behinderung der Bundesrepublik. Deren besondere Bedürfnisse wurden wie in der Vergangenheit in der aktuellen Gesundheitsreform kaum berücksichtigt. Ottmar Lehmann merkte hierzu an, dass Barrierefreiheit für 13 Million Mitbürgerinnen die Wirtschaft nur langfristig stärken könne. Die Rede endete mit einem Appell an Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie & Frauen: „Bleiben Sie standhaft!“ und nahm damit Bezug auf die geplante Änderung der Kinder- und Jugendhilfe, welche wichtige Errungenschaften zunichte machen könnte.
Prien begann ihre Rede mit einem Verweis auf den Veranstaltungsort, die Alte Münze in Berlin, um auf die Beschaffenheit der Scheine unserer Währung hinweisen. Denn diese sind tastbar und bunt und somit auch für Menschen mit Einschränkungen klar identifizierbar. Inklusion wird vielerorts schon mitgedacht und doch muss noch viel getan werden, so ihr Fazit.
Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung und Technologie, betonte im Anschluss den Gender Gap in der Qualität von gesundheitlicher Versorgung zwischen Mann und Frau, welcher für Frauen mit Behinderung besonders aufklafft. In Deutschland gäbe es beispielsweise nur sechs nahezu barrierefreie gynäkologische Praxen. In der gemeinsamen Paneldiskussion machte sie klar, dass es Millionen von Euros an Forschungsgeldern braucht, die sich mit den körperlichen und gesundheitlichen Unterschieden beschäftigen. Geschlechterspezifische Forschung und die Aufarbeitung bestehender Forschung, die Frauen bisher ignoriert hat, seien längst überfällig. BDH-Referentin Sozialpolitik Julia Köhler Köhler schließt sich dem an, und betont, der Zugang zu Gesundheit muss aus ihrer Sicht als Querschnittsaufgabe begriffen werden.
Der mitreißendste Beitrag des Abends stammte von der Autorin, Referentin und Aktivistin Sabrina Lorenz, welche ihr Gedicht „Was möchtest du mal werden, wenn du groß bist?“ vortrug, das mit den Worten „so leben wie du heute“ endete. Ihr Vortrag zog die gesamte Gesellschaft des Jahresempfangs in den Bann, sodass die ihr nachfolgende Sprecherin Ministerin Bär spürbar um Fassung ringen musste.
Der Abend war keine typische Veranstaltung des politischen Berlins. Hier trafen sich nicht nur Politik, Verwaltung und Interessenverbände, vielmehr war es ein Raum für Menschen mit vielen unterschiedlichen Beeinträchtigungen und Behinderungen, um sich barrierefrei in jederlei Hinsicht zu begegnen. Der Abend machte klar, wie wahr der Leitsatz des BBMB „Demokratie braucht Inklusion“ ist und wie viel dafür noch zu tun ist.

Ottmar Lehmann (re.) im Gespräch mit Samuel Koch (li.).