30. November 2022
Hildegard Sommers Behinderung und eine ganz persönliche Lebensgeschichte führten sie zum BDH nach Recklinghausen und in ein langjähriges ehrenamtliches Engagement, das jetzt mit der Ehrenurkunde der Stadt Recklinghausen geehrt wurde.
Die Geschichte ihres Ehrenamtes beginnt bei ihrer Oma väterlicherseits. Schon diese hatte das ganze Dorf bei Nöten und Sorgen beraten. So was liegt mir wohl in den Genen, sagt Hildegard Sommer lachend. Ihre eigene Behinderung hat sie von Geburt an geprägt.
Der Bürgermeister der Stadt Recklinghausen, Christoph Tesche, würdigte auf der Festveranstaltung im Rathaus mit seiner Laudatio das Engagement von Hildegard Sommer für Menschen mit Behinderung, die sich im Dschungel von Antragsstellungen zurechtfinden müssen: „Regelmäßig hält sie Sprechstunden für ihren Verband im Rathaus ab. Zu ihrem Angebot gehört auch das persönliche Gespräch mit den Betroffenen, denen gegenüber sie sich stets empathisch zeigt. Aufgrund ihrer eigenen Behinderung verfügt sie grundsätzlich über ein Mehr-Verständnis, was mit einer Behinderung möglich ist und was nicht. Aber ihr Engagement geht weit über die Norm hinaus.“
Unterwegs ist Hildegard Sommer in Sachen Beratung, seitdem sie hier für die Liebe nach Recklinghausen gezogen ist. Sie ist stadtbekannt dafür, man spricht sie schon mal bei einem Besuch im Café an, so wie heute, als sich sie treffen durfte. Hildegard Sommer erklärt: „Sie müssen für eine gute Beratung wissen, wen sie im Kreis direkt ansprechen können. Ohne Vernetzung geht das nicht“.
Die Wahl-Recklinghäuserin hat den notwendigen schlagfertigen Mund, Humor und eine freundliche Hartnäckigkeit, die ihre Arbeit hier vor Ort erfolgreich gemacht hat. In der Ratskommission der Stadt, in der sie seit 2007 sitzt, gibt es einen geflügelten Satz: „Frau Sommer, haben Sie noch Fragen? Nein. Dann können wir ja die Sitzung beschließen.“
Mit beidseitiger Hüftluxation Anfang der 1950er-Jahre geboren wuchs Hildegard Sommer wohlbehütet in ihrer Familie auf. Laufen lernte sie erst mit 5 1/2 Jahren nach aufwändiger und damals üblicher Gipsbett-Therapie und einer Operation, bei der die Hüften neu positioniert wurden.
Das Leben verfolgte sie bis dahin größtenteils vom heimischen Sofa aus, dort, wo Oma immer aus der Zeitung vorlas. So lernte Hildegard frühzeitig das Lesen. Sie war schlau, ihr Vater wollte, dass sie studiert und wechselte als Schlosser für die Therapien der Tochter viele Jahre seines Berufslebens ständig die Firmen, damit die Betriebskrankenkasse weiterzahlte.
Einem aufmerksamen Professor der LWV-Landesklinik in Wiesbaden ist es zu verdanken, dass Hildegard nicht den langen Weg eines Studiums ging, sondern nach dem Gymnasium eine Höhere Handelsschule besuchte und in 1 1/2 Jahren eine Berufsausbildung als kaufmännische Angestellte anerkannt bekam. Dieser Professor klärte Hildegards Eltern offen darüber auf, dass ihre Tochter aufgrund ihrer Erkrankung und deren Folgen nur eine kurze Berufszeit vor sich habe. Um unter den Sozialen Schirm zu kommen, müsste sie zuvor genügend Erwerbsjahre vorweisen können. Er sollte Recht behalten, und Hildegard Sommer ist froh über diese Entscheidung. Damals fiel sie ihr nicht leicht, auch, weil sie den Traum ihres Vaters nicht erfüllen konnte.
Die 17-jährige fand mit ihrem hellen und schnellen Kopf ohne Probleme Arbeit und verdiente ihr eigenes Geld, kämpfte aber in den kommenden Jahren zunehmend mit ihren körperlichen Einschränkungen und Schmerzen. Sie musste mit 33 Jahren Rente aufgrund einer Erwerbsminderung beantragen.
Ihr Leben änderte sich als sie Erhard Sommer kennenlernte, den Behindertenbeauftragten von Karstadt in Recklinghausen. Sie verliebte sich und folgte der großen hierher. Hier begann sie zum ersten Mal, sich frei zu fühlen. Niemand sagte ihr hier „Das kannst Du nicht“, „Das macht man nicht“ und ihr Ehemann unterstützte sie dabei, das zu tun, was sie wollte, konnte und sich für andere auch zunehmend traute: sich ehrenamtlich zu engagieren. Zunächst im Sozialverband Deutschland, später beim BDH Bundesverband Rehabilitation.
Vielen Menschen hat sie seitdem zu ihrem Sozial-Recht verholfen. Sie setzt damit eine lange Geschichte zwischen der Stadt Recklinghausen und dem BDH fort:
Lange hatte der armamputierte Pförtner des Rathauses sein BDH-Büro quasi in seinem Pförtnerhäuschen. Später übernahm Hildegard Sommer den Staffelstab im Rathaus, zu einer Zeit, in der man Menschen mit Behinderung nun auch bei wichtigen Entscheidungen in der Stadt hörte. Sie wurde BDH-Vertreterin im Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit und im Ausschuss für Barrierefreiheit von Recklinghausen. Mittlerweile, sagt sie, sind die Architekten und Bauplaner so sensibilisiert, dass sie vor ihren öffentlichen Projekten im Ausschuss die Beratung direkt anfragen. Auch eine Bauabnahme ist heute in Recklinghausen nicht mehr ohne die Begutachtung des Ausschusses "Barrierefreiheit“ denkbar.
Hildegard Sommers Sinn fürs Praktische ist auch unter den Interessenvertretungen behinderter Menschen bekannt. Teure Lifte statt pragmatischer Rampen – nicht mit Hildegard Sommer. Sie scheut sich auch nicht, den BDH in Sachen Barrierefreiheit seiner Veranstaltungen zu mahnen.
Hildegard Sommer sieht immer positiv nach vorne, auch wenn sie seit ein paar Jahren gesundheitlich kürzertreten muss. Ihre ungebeugte Zuversicht erklärt sie kurz und bündig:
„Ich will leben, meine Geschichte ist doch gut ausgegangen, ich kann heute laufen. Andere, die mit der gleichen Behinderung großgeworden sind, haben nicht so viel Glück gehabt, wie ich, sagt sie. Andersrum wäre es schlimmer“.
Und wieder hört man dieses offene herzliche Lachen, das so ansteckend ermutigend ist.
Sie bedankt sich für die Ehrung im Rathaus mit einem Gedicht, weil es erklärt, warum sie das alles gemacht hat.
Manche Begegnungen sind klein
und nicht von allzu langer Dauer
doch ihre Bedeutsamkeit prägt meinen nächsten Schritt.