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Berichte von Betroffenen

Mit Willen und Mut

Es lohnt sich, immer weiterzukämpfen, auch Jahre nach dem Schlaganfall lassen sich Symptome noch zu verbessern. Es gibt gute Tage, schlechte Tage, wie bei jedem Menschen. Man braucht dann nicht den Kopf in den Sand zu stecken, wenn es mal nicht so läuft. Man kann zwar die Situation nicht ändern, aber das Mindset.

Kathrin Marchand, Ruderin, Skilangläuferin und Ärztin

Kathrin Marchand hat als Kind in Köln auf dem Fühlinger See mit dem Rudersport begonnen. Sie kämpfte sich schnell in die Weltklasse. Dann der Einschnitt mit einem Schlaganfall drei Jahre nach ihrem Medizinstudium. Sie gab nicht auf und startete wieder erfolgreich durch. 2025 wurde sie im Mixed-PR3-Zweier Weltmeisterin als Pararuderin. Und begann mit Skilanglauf – auch erfolgreich. Die BDH-Redaktion sprach mit ihr über ihren ungewöhnlichen Weg.

Frau Marchand, schön, dass Sie Zeit gefunden haben. Ihr Trainingsplan ist schon wieder gefüllt, die nächsten großen Wettkämpfe stehen an. Seit wann treiben Sie eigentlich Sport?

Gefühlt, seit ich krabbeln kann. Aber, wenn Sie den Leistungssport meinen, auch den habe ich früh begonnen. Anfangs war es auch nur erweiterter Freizeitsport, weil man ja nicht gleich Weltmeister werden will. Der Leistungsgedanke kam mit der Zeit.

Und warum Rudern?

Es macht mir Spaß, gegen andere zu rudern. Mir war schnell klar, dass ich Wettkämpfe bestreiten wollte. Bereits in meinem ersten Sommer im Boot bin ich die deutschen Meisterschaften gerudert und 2008 war dann die erste Junioren-WM. Mit dem Achter gewannen wir dort Bronze.

Welches Talent mussten Sie für den Rudersport mitbringen?

Rudern ist ein schöner Sport, weil man von allem, ein bisschen braucht. Viel Ausdauer und Kraft, aber besonders braucht man Durchhaltevermögen und mentale Stärke für die 2.000 Meter oder etwa sieben Minuten Kampf. Und man muss das, was man macht, auch sehr mögen. Denn Rudern ist ein sehr zeitintensiver Sport. In Höchstzeiten habe ich dreimal am Tag trainiert

Ziehen sich Durchhaltevermögen und mentale Stärke durch ihr Leben? Haben Sie Ihnen in schwierigen Zeiten geholfen?

Stimmt schon. Der Bundestrainer im Skilanglauf, hat mir vor nicht langer Zeit gesagt, ich sei eine Leistungssportlerin durch und durch. Ich war ja bereits 34 Jahre alt, als ich mit dieser Sportart angefangen habe. Er hat mir wohl schnell angemerkt, dass ich zielorientiert bin und die Ziele, die ich habe, auch wirklich verfolge. Ich schaue dann, was ich tun muss, um das auch zu erreichen. Als ich mich dafür entschieden hatte, wollte ich auf keinen Fall hinterherlaufen. Das war für mich keine Option.

Aber mussten sie nicht auch Rückschläge einstecken?

Ja, das ist richtig. Man verliert ja auch Rennen, hat Verletzungen oder auch nur eine Erkältung, die gefühlt ein großer Rückschlag ist, und einen zurückwirft. Man lernt damit umzugehen. Und genau das hat mir auch geholfen, auch mit dem Schlaganfall umzugehen.

Was genau meinen Sie?

Zu wissen, dass das Leben weitergeht und nicht zu Ende ist. Aber auch, dass man die Umstände nicht ändern kann und das Mindset entsprechend anpassen muss. So wie im Sport auch. Man kann eben nicht alles beeinflussen und ist gut beraten, seine Kraft in das zu investieren, was man beeinflussen kann.

Und was konnten Sie nach dem Schlaganfall beeinflussen?

Ich konnte ihn natürlich nicht rückgängig machen. Aber ich wollte das Beste für mich draus machen. Und das Beste für mich, war dann der Parasport. Wer vor einem Schlaganfall bereits Sport gemacht hat, wie ich, dem fällt es leichter.

Kathrin Marchand

Hat der Sport Ihnen auch körperlich geholfen, Einschränkungen zu kompensieren?

Naja, ich habe bis heute eine Sehfeldeinschränkung, die sich nicht verändern lässt. Auch eine Wahrnehmungsstörung der linken Seite, mit weniger Gefühl und einem Ansteuerungsproblem. Das lässt sich tatsächlich durch Sport etwas trainieren. Da hat er mir geholfen, mich wieder besser kennenzulernen.

Sie sind ganz schnell wieder im Höchstleistungsbereich angekommen, aber stehen auch wieder im Beruf. Wie lässt sich das für Sie vereinbaren?

Nach dem Schlaganfall habe ich nur noch 50 Prozent Teilzeit gearbeitet und beziehe eine Rente über eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Seit vergangenem Jahr arbeite ich auf Honorarbasis mehrere Tage im Monat und kann meine Arbeitszeit flexibel gestalten. Es ist mir schon sehr wichtig, neben meinem Sport in der Berufspraxis zu bleiben.

Sie sind auch als Parasportlerin sehr ehrgeizig, sogar im Sommer- und Wintersport, waren sowohl bei Olympia als auch bei den Paralympics erfolgreich, kennen also beide Welten. Gibt es Unterschiede?

Naja, in erster Linie geht es in beiden Welten darum, Leistungen zu bringen. Man möchte natürlich schnell sein, aber im Parasport macht man es ja mit seiner Einschränkung Sport. Das heißt, das beeinflusst, wie viel man trainieren kann, oder was man trainiert, das Gesamtbild Mensch wird wichtiger.

Es gibt allerdings eine Schwierigkeit: die Klassifizierungen der sehr verschiedenen Einschränkungen. Das passiert mit einem Raster, Einschränkungen werden mit bestimmten Punkten versehen, und danach passt man in bestimmte Gruppen. Wenn man Pech hat, passt man in kein Raster hinein oder die eigene Einschränkung ist im Parasport nicht zulässig.

Kathrin Marchand bei Olympia und bei den Paralympics erfolgreich

Dennoch sind die Paralympics mittlerweile ein großes mediales Ereignis, das immer mehr Publikum anzieht …

Das ist natürlich für uns Sportler auch schön, weil wir genauso wie die Leute im olympischen Bereich Höchstleistungen bringen und jeden Tag dafür trainieren, besser zu werden.

Viele Menschen schauen sich das gerne an. Und im gewissen Sinne sind wir ja auch Vorbilder, um mit Rückschlägen im Leben umzugehen. Und ich denke, das wird durch die Paralympics noch deutlicher als bei den Olympischen Spielen.

Wenn Sie zurückschauen, welcher Erfolg war Ihnen am wichtigsten?

Der wichtigste Erfolg war auch er größte Erfolg. Im vergangenen Jahr bin ich im Mixed-PR3-Zweier zusammen mit Valentin Luz Weltmeister in Bestzeit geworden. Das war in Shanghai, Dass ich als Erste sowohl bei Olympischen Spielen und bei den Paralympics im Sommer und im Winter starten konnte, ist auch etwas Besonderes und zeigt, dass man einiges erreichen kann, wenn man den Willen und den Mut hat.

Ihr nächstes großes Ziel ist schon in Sicht …

Das stimmt. Nach den Winter-Paralympics in Mailand hatte ich eine kleine Pause, aber dann habe ich wieder angefangen zu rudern, weil wir unseren Titel bei den World Rowing Championships im August 2026 in Amsterdam verteidigen wollen. Dafür trainieren wir.

Wir drücken fest die Daumen. Viel Erfolg!

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Kathrin Marchand für das Interview!