01. April 2025
Verschiedenste Krankheitsbilder sowie Vor- und Begleiterkrankungen können zu einem Ernährungsdefizit der Patientinnen und Patienten in der Neurorehabilitation führen.

In der neurologischen Rehabilitation werden Rehabilitanden mit unterschiedlichsten Krankheitsbildern wie traumatischen Hirnverletzungen, Schlaganfällen, entzündlichen Erkrankungen des Großhirns oder Hirnschädigungen aufgrund eines schweren Sauerstoffmangels behandelt. Zusätzlich bringen die Rehabilitanden meist mehrere Vorerkrankungen oder durch die akute Erkrankung ausgelöste Begleiterkrankungen mit (z. B. ein Diabetes oder auch eine Herz- und/oder Niereninsuffizienz). Bedingt durch diese Erkrankungen können ganz unterschiedliche Ursachen vorherrschen, die zu einem Ernährungsdefizit führen können. Hierunter sind bspw. Beeinträchtigungen des Schluckens, aber auch Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates, des Bewusstseins, des Appetits, der Kognition und psychische Belastungen zu nennen.
All diese Ursachen können dazu führen, dass keine adäquate Ernährung mehr möglich ist und es unweigerlich zu einer Veränderung des Ernährungszustandes und des Ernährungsverhaltens, im schlimmsten Fall auch zu Mangelerscheinungen kommt. Eine optimale Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen ist zunächst natürlich wichtig für die Aufrechterhaltung aller physiologischer Körperfunktionen, aber ist weiterführend auch entscheidend für den Genesungs- und Rehabilitationsverlauf.
Eigene Beobachtungen [1] zeigen, dass zum Aufnahmezeitpunkt ca. 30 % der neurologischen Rehabilitanden als untergewichtig und ca. 20 % als übergewichtig eingestuft werden. Weiterhin beobachten wir, dass es besonders bei den schwer betroffenen Frührehabilitanden zu einem Gewichtsverlust während der Rehabilitation kommt [2]. Ein Gewichtsverlust geht meist mit einer Reduktion der Muskelmasse und Muskelkraft einher, was zu Beeinträchtigungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens führen kann.
Im Unterschied zu Akutkrankenhäusern, wo bereits vor vielen Jahren der Zusammenhang zwischen einer Mangelernährung mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für einen ungünstigen Krankheitsverlauf in Verbindung gebracht wurde [3], wurde der Ernährungszustand neurologischer Rehabilitanden bei Aufnahme in die neurologische Rehabilitation und die Auswirkungen einer Mangelernährung nur wenig erforscht.
Bei einer Mangelernährung herrscht ein Ungleichgewicht zwischen der Nährstoffaufnahme und dem Nährstoffbedarf, was zu einem unkontrollierten Gewichtsverlust führt. Dabei kann einerseits eine quantitative Mangel- oder Unterernährung vorliegen, wenn über einen längeren Zeitraum zu wenig Energie und Nährstoffe aufgenommen werden oder eine qualitative Mangel- bzw. Fehlernährung vorliegen, bei der es zu Defiziten an Proteinen, Vitaminen sowie Spuren- und Mengenelementen kommt.
Obgleich eine Mangelernährung gesellschaftlich oft mit einem untergewichtigen Erscheinungsbild in Verbindung gebracht wird, sind adipöse Rehabilitanden ebenfalls häufig mangelernährt, da ihnen wichtige Mikronährstoffe fehlen („verborgener Hunger (Hidden Hunger)“). Im Gegensatz zu dem Schutzmechanismus unseres Körpers, der bei einer Unterversorgung mit Makronährstoffen (energieliefernde Bestandteile der Nahrung) Signale aussendet, die uns zur Nahrungsaufnahme verlassen, gibt es keine körpereigenen Alarmsignale bei einer Unterversorgung mit Mikronährstoffen [4]. Erst wenn bereits ein schweres Mikronährstoffdefizit vorliegt, treten klinische Symptome auf.
In den wenigen verfügbaren Studien, die das Vorliegen einer Mangelernährung zu Beginn der Rehabilitation bei Schlaganfallpatienten untersucht haben, liegt die Rate mangelernährter Schlaganfallpatienten zwischen 30 und 49 % [5-8]. Werden nicht nur Schlaganfallpatienten, sondern weitere neurologische Erkrankungen in das Screening eingeschlossen, liegt die Rate mangelernährter, neurologischer Rehabilitanden mit 77 % noch weit höher [9]. Eigene Beobachtungen zeigen, dass über 90 % der schwer betroffenen Frührehabilitanden bei Aufnahme in die neurologische Rehabilitation ein Mangelernährungsrisiko aufweisen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Ergebnisse eines Screenings auf Mangelernährung bei neurologischen Frührehabilitanden unmittelbar nach der Aufnahme zur neurologischen Rehabilitation mit Hilfe des Nutritional Risk Scores. Mehr als 90 Prozent der neurologischen Frührehabilitanden weisen bei Aufnahme zur Rehabilitation ein Ernährungsrisiko auf. Nur selten werden neurologische Frührehabilitanden ohne Ernährungsrisiko aufgenommen. Diese befinden sich eher auf einer Normalstation (kein überwachungspflichtiger Zustand).
Ein frühzeitiges Erkennen des Vorliegens einer Mangelernährung oder eines Ernährungsrisikos ist der wichtigste Schritt um Folgen einer Mangelernährung wie Schwäche, Mobilitätsverlust, ein erhöhtes Sturzrisiko, neurologische Störungen, eine gestörte Wundheilung, längere Liegezeiten und eine erhöhte Mortalitätsrate zu vermeiden. Hierzu ist es auch besonders wichtig, dass auf frühe Signale wie Appetitmangel, Auffälligkeiten bei der Nahrungsaufnahme/des Essverhaltens wie die Ablehnung von Mahlzeiten/Getränken oder einem Geschmacksverlust, Auffälligkeiten bei der Verdauung, einem ungewollten Gewichtsverlust, locker sitzenden Kleidung/Schmuck und/oder Beschwerden bei der Nahrungsaufnahme geachtet werden [11].