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Interview mit Hans-Peter Durst

Es lohnt sich, Hilfe anzunehmen!
Es lohnt sich, etwas zu tun!

Er ist einer der erfolgreichsten Paracycling-Sportler der Welt: Hans-Peter Durst hat in seinem Sport alles erreicht. Im Interview mit Maria Herr und Dr. Thomas Urbach von der BDH-Unternehmenskommunikation spricht der Ausnahme-Athlet über seine Ziele und Wünsche und darüber, welche Entwicklungen im Behinderten-Radsport er kritisch sieht. 

Herr Durst, schön, dass Sie es hier hoch in die BDH-Klinik Waldkirch geschafft haben. Ich hoffe, der Berg war nicht zu steil für sie.

Vielen Dank, ich freue mich auch, hier zu sein in einer neuen BDH-Klinik. Und nein. der Berg war nicht zu steil, aber am Ruhetag trotzdem eine ganz schöne Herausforderung. Wir hatten gestern sogenanntes K3-Training, das heißt, große Gänge am Berg fahren. Wir sind zweimal den Kandel hochgefahren, zusammen 2400 Höhenmeter.

Sie sind 8-facher Weltmeister, 20-facher deutscher Meister und paralympischer Silber- und Goldmedaillengewinner. Was war ihr schönster Sieg?

Der erste schöne Sieg war das allererste Rad-Touristik-Rennen, es war eigentlich kein richtiges Rennen, aber eben das erste, anderthalb Jahre nach meiner Entlassung aus der BDH-Klinik in Hessisch Oldendorf. Ich bin das Rennen mit meinen früheren Radsportfreunden gefahren über 156 Kilometer. Und da ins Ziel zu kommen – es war alles schon abgebaut, weil der Zeitrahmen völlig überschritten war – das ist immer noch mein emotionalster Sieg. Es war für mich der Sieg über zweieinhalb Jahre in Kliniken, in der Rehabilitation – das war unglaublich. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Zweieinhalb Jahre danach….

Was war passiert?

Es war 1994, vor 25 Jahren, als ich einen unverschuldeten Unfall auf der Autobahn A44 hatte, sechs Wochen Koma, danach 21 Monate in der BDH-Klinik Hessisch Oldendorf, damals noch bei Herrn Dr. Gobiet. Es dauerte eine ganze Weile, bis das Bewusstsein wiederkam. Ich habe erst etwa ein Jahr nach meinem Unfall realisiert, dass etwas anders ist. Ich habe wohl auch die Neuropsychologin sehr genervt, weil für mich klar war, dass ich gestern noch in der Firma war. Ich war damals Geschäftsführer einer Brauerei. Und natürlich wollte ich da morgen wieder hin, weil ich wichtige Sitzungen hatte und es ohne mich nicht ging. Dass das alles ganz anders war, habe ich erst ganz langsam realisiert. Das Schwierige war für mich dann tatsächlich, aus diesem Wohlfühl-Kokon BDH-Klinik entlassen zu werden, in dem der ganze Tag für mich strukturiert war. Erst zu Hause ging dann der Krieg los: Telefon, Klingeln. Und ich wollte raus, losgehen, habe mich jeden Morgen mit Anzug und Krawatte dekoriert, dabei hatte immer noch komplette Orientierungsschwierigkeiten. Ich wußte nicht genau wo ich bin. 

Wie bewerten Sie Ihre Rehabilitation rückblickend. 

Alles hat gut ineinander gegriffen. Am wichtigsten war die Reha in der BDH-Klinik Hessisch Oldendorf, wo ich auch BDH-Mitglied wurde, aber auch die Berufsgenossenschaft hat mir sehr geholfen. Die haben mich sehr eng begleitet und mir einen Rehamanager zur Verfügung gestellt. Und der Aufsichtsrat meiner Brauerei ist mit der Situation sehr menschlich umgegangen, auch keine Selbstverständlichkeit in der Wirtschaft. Sie haben mich ganz behutsam in eine Schwesterbrauerei eingeführt, damit ich selbst spüre, dass ich noch nicht so weit bin. Nach drei Stunden war ich platt, habe geweint und wusste nicht, was los war. Diese Erfahrungen waren wichtig für mich und sie helfen mir bei meiner Peer-Tätigkeit für die Berufsgenossenschaft für Angehörige und Betroffene. Das gibt es bei Betroffenen oft: die sind zwei Wochen zuhause und wollen wieder in die Klinik zurück.

Holen Sie nicht die eigenen Erfahrungen wieder ein bei dieser Peer-Tätigkeit?

Klar, man sieht sich dann immer selbst im Spiegel. Ich erlebe das aber immer als Motivationsschub. Ich kann berichten und zeigen, was mit Geduld, mit fachlicher Begleitung, mit Eigenenergie möglich ist. Dass es sich lohnt, Hilfe anzunehmen. Dass es sich lohnt, jeden Tag etwas zu tun. Das muss nicht Sport sein.

Und diese Motivation ist heute noch wichtig für sie?

Ja, weil die Auseinandersetzung mit Krankheit und Behinderung nie abgeschlossen ist und einen jederzeit wieder einholen kann. Aber auch Rückschläge gehören dazu. Auch das kann ich Betroffenen natürlich aus einer anderen Perspektive vermitteln. Ich bin kein Therapeut, ich bin kein Arzt, aber ich habe das alles selbst durchlebt und durchlebe es immer noch. Ich bin immer noch ein Mensch mit Behinderung. Für viele Betroffene, die am Anfang dieses langen Weges stehen, kann ich das glaubwürdig vermitteln: Die Auseinandersetzung mit Behinderung ist immer ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Und das meine ich nicht negativ, weil sich daraus immer wieder Ziele ergeben, auch außerhalb vom Radsport. Für mich beispielsweise: Einmal ohne Stock gehen zu können. Das ist für mich ein großes Ziel: einmal freihändig durch die Stadt gehen können, nicht weniger wichtig als der Radsport.

Wie kamen Sie zum Radsport?


Ich bin immer schon in Radsportvereinen aktiv gewesen, wenn auch nicht auf einem so hohen Niveau. Da war erst einmal an Radfahren überhaupt nicht zu denken, ich bin mit zwei Drei-Punkt-Stöcken aus der Klinik entlassen worden. Für meinen Bewegungsdrang wurde mir so ein Therapiedreirad per Rezept verschrieben. Daraufhin erschien ein Herr aus Gütersloh und hat mir ein 25 Kilo schweres Stahlrad mit Körbchen hinten drauf vor die Tür gestellt. Das war mir etwas peinlich in meinem Wohngebiet. Meine Frau hat mich dann – wir wohnen in Dortmund – an den Ruhrtalradweg gefahren, wo kein Mensch war, den ich kannte. Da habe ich erst einmal gelernt mit dem Rad umzugehen und so hat sich das langsam entwickelt.

Sie wollen nächstes Jahr Ihre Karriere beenden. Wird das schwer für Sie?

Nein, sicher nicht. Ich versuche mich seit 2016 an den Gedanken zu gewöhnen, einmal aufzuhören. Auch an einem Hans-Peter Durst geht das Alter nicht spurlos vorbei. Auch wenn ich am Radfahren eine Riesenfreude habe und ein gewisses Maß an Optimismus habe, bei den Paralympics nächstes Jahr dabei sein zu können: vielleicht hätte ich nach Rio aufhören sollen. Aber klar, den Ehrgeiz gibt es, auch wenn ich mindestens doppelt so viel machen muss wie vorher, um überhaupt die Einheiten zu schaffen, die auf dem Trainingsplan stehen. Dazu bin ich auch nicht immer bereit. Dieses Jahr kamen dann auch noch gesundheitliche Probleme dazu und mein großes Glück war, dass der neue Bundestrainer so hinter mir steht. Er hat gesagt: „Du bist so ein erfahrener und erfolgreicher Sportler. Mach dein Ding und wenn du wieder gesund bist, kommst du zurück.“. Das ist natürlich toll und vielleicht auch eine Art Bonus-Dankeschön. Aber irgendwann werde ich aufhören und mir werden viele Dinge einfallen, die ich machen kann.

Zum Beispiel?

'Ich habe vieles für den Sport aufgegeben. Ich würde gerne wieder im Chor singen, im Gospelchor, ich musiziere gern und ich will mich wieder mehr im BDH engagieren. Ich war ja im Vorstand des Kreisverbandes Dortmund und musste auch da wegen des Sports kürzer treten und konnte höchstens zu den Weihnachtsfeiern und Versammlungen kommen. Aber auch im Radsportverband werde ich mich engagieren. Überall wird das Ehrenamt gebraucht. Ich will auch zurückgeben und „Danke“ sagen.

Sie sind jetzt viele Jahre Aktiver im Radsport gewesen. Wie präsent ist das Thema „Behinderung“ da, was für eine Rolle spielt es?

Bis Mitte dieses Jahres war das nie Thema. Ich spreche immer von meiner „Radsportfamilie“, oder noch genauer von meiner „Dreiradfamilie“, es gibt da ja verschiedene Klassifikationen. Natürlich gibt es da auch tolle internationale Freundschaften. Dieses Jahr sind aber neue Klassifizierungen gekommen, seither ist auch das Thema „Behinderung“ präsenter. Da geht es dann oft um Millimeter im Querschnitt. Unser Sport wird professioneller, dadurch gibt es auch mehr Neider. Es gibt Leute, die können mit dem Behindertensport Geld verdienen und dann wird „Behinderung“ auch zum Thema, wenn etwa gefragt wird: Fährt der überhaupt in der richtigen Klasse? Hat der einen technischen Vorteil, weil er eine andere Prothese hat? Ich verstehe das, vielleicht ist die Reklassifizierung durch unseren Verband auch sinnvoll, aber diese Diskussionen gehen zum Teil in eine Richtung, die mir weniger gefällt.

Wird sich der Behindertensport in Richtung Profisport entwickeln?

Das glaube ich immer noch nicht. Es wäre für mich auch eher ein Rückschritt.

Warum?

Diejenigen, die professionell arbeiten könnten, mit Werbeverträgen und Sponsoren, wären wahrscheinlich die Leute, die im Alltag weniger behindert sind und die Menschen, die Assistenz brauchen, die kommen eben in unserer Medienlandschaft nicht so gut weg. Es gibt auch im Dreiradsport Sportler mit Assistenz, die wir nicht mitnehmen können zu Rennen, weil die Assistenz nicht gewährleistet werden kann. In der Dreiradklasse für Schwerstbehinderte fahren großartige Sportler mit, die den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen, die sich kaum bewegen können und trotzdem Dreirad fahren. Sie können international nicht starten, weil unser Verband die Assistenz nicht gewährleisten kann. Das sieht in Australien, Kanada und Südafrika ganz anders aus. Im professionellen Behindertensport gibt es immer die Gefahr, dass die, die ohnehin im Schatten stehen, noch mehr im Schatten stehen. Und für die ist der Behindertensport oft das Wichtigste, für die ist er gemacht.

Das Gespräch führten Maria Herr und Dr. Thomas Urbach



 
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